
Die Melodie eines alten Kirchenlieds, welches Aneline bei einem Mantra-Seminar vor Jahren begegnete, erschien im Hinterkopf, nachdem dort ein Sorgegedanke herumgeschwirrt hatte, warum sie bloß ihre Blogaktivität auf die lange Bank schiebe. Aneline konnte jetzt aber die Melodie nicht gleich identifizieren.
– Moment, wie war das? Ach ja … es ist der Refrain vom Zeit-Lied.
Aneline klappte neugierig den Laptop auf und durchsuchte alte Notizen.
Jegliches habe seine Stunde; es gebe Zeit zu lachen und zu weinen, Zeit zu suchen und zu finden, Zeit zu heilen, zu verwinden, … Alles unter dieser Sonne komme und gehe zu seiner Zeit.
Die Liste der menschlichen Aktivitäten fällt im Lied so umfangreich aus, dass sie mehrere Strophen füllt – und im Leben etliche Jahrzehnte.
Am Ende der Lektüre meldet sich eine Enttäuschung, denn die innere Glocke der persönlichen Resonanz blieb still, als wenn sich das Lied doch nicht auf die Frage nach dem Blog beziehen würde.
Der Verstand dreht ziellos ein paar Runden in der Leere und kaut dann an der uralten Ursprungsfrage: Wenn alles seine Zeit habe, wer oder was bestimme, was ansteht?
Im Kopf finden zwar in jeder Minute allerlei Beschlüsse statt, aber um vieles davon schert sich der Fluss der Ereignisse nicht und wirft die beschlossenen Pläne durcheinander.
Ein Beispiel von gestern:
– Wow! Keine Termine, nichts zu erledigen. Super! Der ganze Tag gilt nun endlich dem Blog. Gleich nach dem Frühstück gehts los.“
Zuerst will nur noch ein Termin im Kalender notiert werden.
– Wo ist das Handy? Oh-oh ..!
Eine WhatsApp-Nachricht von gestern schlägt Alarm. Der Mutter (92) gehe es sehr schlecht. Zeit für Abschied winke …
Aneline merkte nicht mal, wie die Blog-Pläne verschwanden. Sie war nur noch von Selbstvorwürfen umgeben, dass sie nicht früher aufs Handy geguckt hatte. Über drei Stunden lang hämmerten anschließend im Kopf diverse Beschlüsse zwischen den Polen:
– Packen und losfahren, um Mutter bei dem Übergang zu begleiten!
– Stopp, stopp, Chaos in der Arbeit lostreten, 1000 km fahren, damit was ..? Neee, ich bleibe hier, die Beziehung mit Mutter ist seit langem schön geklärt und sie selbst sagt ja, dass sie die Reise durch den Tunnel ersehne.
Und was von den Beschlüssen hat sich verwirklicht? Nichts. Im Ereignisfluss kam das Telefonat mit Entwarnung herbei: Der Mutter gehe es wieder viel besser.
Anelines Besuch sollte später im Jahresverlauf erfolgen, damit sich ihre Schwester etwas Urlaub gönnen kann. Vorerst aber wurde kein Beschluss darüber gefasst.





