
Dezember wird gerne für Bilanzen genutzt. Man hatte ja ein Jahr Zeit für bestimmte Vorhaben – was wurde daraus? Das menschliche Denken an Jahresschritte der Zeit lehnt sich an ein Naturphänomen an – den Rhythmus der Erdenwanderung um die Sonne.
Als Aneline mal las, dass der indianische Aztekenkalender das Sonnenjahr in 20! Monate einteilte, hat dies schlagartig ihren naiven Glauben aufgelöst, dass ein Jahr mit 12 Monaten von Natur aus existiert.
Es bleibt allerdings ein Rätsel, warum ausgerechnet diese Information die Zeit irgendwie vom Kalender getrennt hatte. Denn als sie noch in der Schule lernte, dass es im alten Ägypten 10-tägige Woche gegeben hatte, nahm sie das nur als eine Kuriosität, einen amüsanten Irrtum wahr. Und nun schlugen diese 20 Monate als eine Art Erkenntnisblitz ein, dass ein Kalender nur ein willkürliches Teilungsraster zwecks Orientierung sei, das … die unendliche Zeitnatur vernebelt.
Ein Jahr wurde plötzlich zu einer Torte aus 365 Tageslicht-Schichten, die ein Kalender in x-beliebig viele Teile als Monate, Wochen, Stunden … zerschneidet. Welches Stück die Nummer 1 bekommt, ist logischerweise genauso willkürlich und hat mit dem Zeitfluss nicht das Geringste zu tun.
10 Jahre später kreuzte das Zeitthema den Weg von Aneline erneut.
Es war am 31. Dezember 2006. Aneline wollte nach der Beerdigung einer Freundin nicht nach Hause und verreiste spontan für einige Tage, um an einem Meditationsseminar teilzunehmen. Das Seminarhaus war zwar ausgebucht, aber nachdem sie sagte, dass sie trotzdem bleibe und im Auto schlafen werde, bekam sie doch noch ein Märchenhäuschen nebenan zur Verfügung.
Die Trauer, die Stille der Meditationssitzungen und das Alleinsein begünstigten die Reflexion, was im Leben zähle. Ihre Überlegungen flossen dann in das 366. Bild ihres Malkalenders hinein sowie in den begleitenden Text für die Internetseite.
Zitat aus dem Malkalender 2006:

Was heißt schon Jahres-Ende? Seltsam, dass der Mensch die Ewigkeit in seiner Vorstellung von Jahren zerschnippelt. Denn was endet heute? Ein kleiner Ausschnitt aus dem unendlichen Zeitraum, den wir einen Tag nennen und ihm eine Nummer 366 verpasst haben. Was beginnt morgen? Ein weiterer Zeitausschnitt – gleichermaßen anders als dies bei allen Tagen zuvor und allen danach sein wird. Alle Tage dieses Kalenders haben es mir so klar gezeigt!
Aber bevor sich hier ein Magma der Zeit-Theorien ergießt, zurück zur Schilderung durch Fakten aus dem Alltag. Wegen der anstehenden Meditationssitzung am Abend, machte ich mich schon am Nachmittag an das Tagesbild. Seit gestern umkreiste mich eine Ahnung, in welche Richtung es bei dem Finale des Kalenderprojekts gehen würde – es sollte ein Durchgang sein. Das gefiel dem Kopf, und er malte sich schon aus, dass eine Tür in der Wand die klare Grenze zwischen den Jahren markieren würde und schlug auch gleich vor, die Türöffnung als unbemalte Tapetenfläche zu lassen. Dies würde doch die Idee veranschaulichen, dass es unmöglich sei, die Zukunft zu kennen.
Von wegen … Wie so oft, es wurde ganz anders, nachdem ich mich an den Tisch setzte und das letzte Malfeld mit Klebestreifen sicherte.
– Wand ..? Neee, passt irgendwie nicht.
– Die Zeit endet ja nie, kennt keine Grenzmauern; weder zwischen den Stunden, noch Tagen, Monaten oder Jahren. (Wow, ein schöner Gedanke!)
– Die Zeit ist … ein fließendes Element. Ein un-un-un-endliches Spektakel.
Herrlich! Los! Fangen wir mit Blau an …
Lebenspendendes Wasser ergoss sich von Rand zu Rand des Bildes; ein endloses Ozean im Lichtschein der Morgenröte. Dann … erschien mittendrin ein Tor, ein Steingigant wie aus der Megalithen-Ära. Seit jeher sucht der Mensch nach einem Zugang zu … oder Ausgang? Nach einem Einlass in die Himmel?
Zwar schimmern hinter jedem Türchen auf der Erde neue Erfahrungsschätze, aber die reichen uns nicht aus, was die Suche nach Glück am Leben hält.
Kann man da aussteigen?
… Warum sollte man? Diese Suche hat ja auch was. Führt immer zu Neuem.
Hm, die Zeit … das Immer. Ein Immer voller Geschenke.
Wenn in der Wahrnehmung so ein Filter auftaucht, da kann sich die Suche nach Glück in … ‚Glück-vorfinden‘ wandeln.
Oh oh, was für Töne! Höchste Zeit für ein Amen.





