Aneline im Reich der Farben

Wie im Vorwort der Farben-Startseite erwähnt, spiegeln die drei Baumbilder die Entwicklung der malerischen Saite bei Aneline binnen weniger Jahre. Dabei wähnte sie sich selbst gar nicht kreativ tätig, sondern nur meditierend. Aber schauen wir uns kurz in der Vorgeschichte um.

Anelines Malerei blühte einst im Kindergarten und verschwand mit der Einschulung – wie üblich. Die Gedankenwelten übernahmen die Bühne und konzentrierten sich 40 Jahre lang auf pragmatische Logik und zielgerichtetes Agieren. Irgendwann fühlte sich das Leben ziemlich eng an und die Sterbebegleitung von drei nahestehenden Personen ließ viele geglaubte Mauern der Selbstverständlichkeiten einstürzen – Aneline landete inmitten eines riesigen Trümmerfelds. Alles, woran sie jahrzehntelang fest glaubte, stand nun kopf.

Aus dieser Zeit kommt der erste Baum, der an Kindergartentalenten anknüpft. In einer Meditationsgruppe kam die Aufgabe, einen beliebigen Baum zu malen. Danach hieß es, dass jenes Aquarellbildchen über unser momentanes Leben erzählen würde, und man psychologisierte über ein Wachstumspotenzial, das neuen Raum brauche.

Ob schön oder kreativ der Baum ausgefallen war, spielte keine Rolle, man habe ja nicht die Malerei im Sinn gehabt. Aber die Malmuse hat sich da vorgenommen, Aneline an die Hand zu nehmen. Diese genoss nämlich ihre neue Freiheit keineswegs; im Kopf sorgten angstbesetzte Gedanken permanent für Lärm und Stress hoch drei, denn der leer gewordene Lebensraum wurde als haltlos und gefährlich interpretiert.

Die eingeflüsterte Idee von monotonem Ausmalen simpler Mandala-Muster versprach Momente der Ruhe im Kopf. Bald griff die Muse wieder ein und ließ die Meditierende auf die Wahl einer passenden Farbe verzichten. Der Kasten mit Farbstiften landete außerhalb der Sicht und die Wahl wurde dem zufälligen Handgriff überlassen – eine Art Lotterie. Als die Gedanken nichts mehr zu entscheiden hatten, wurde es innen still, sehr still. Herrlich!

Der Zufall habe guten Geschmack, gab Anelines Kopf zu, nachdem ein Farbenkreis nach dem anderen sich oh Wunder wohlgeordnet präsentierte – alles fügte sich harmonisch, eine falsche Farbwahl schien unmöglich zu sein. Eine Stunde randvoll beglückender Stille. Wow! Mehr davon!

Danach folgten zwei Jahre großflächiger ‚Schmiererei‘ mit Pastellkreiden. Dieser Periode entstammt das zweite Baumbild. Mit meist geschlossenen Augen wurde mit der zufällig gezogenen Kreide eine beliebige Kontur gezogen, dann mit geöffneten perfektioniert. Anschließend begleiteten die Augen, wie der Staub liebevoll in die Fläche gestreichelt wird. Eine neue Kontur umarmte die fertige … Drei Stunden pure Glückseeligkeit am Stück!

Nach der Meditation suchten natürlich die wieder aufgewachten Gedanken nach einem Sinn in den farbigen Flecken. Und sie lernten zu akzeptieren, dass ihre eigenen Entscheidungen nicht so kreativ gewesen wären. Ihr Baum wäre bestimmt dem botanischen Vorbild treuer geblieben. Dessen war sich wohl die Muse bewusst, daher vermied sie, Aneline vorab ein bestimmtes Ergebnis wie einen Baum zu suggerieren, sondern ließ das Papier möglichst lange mit zufälligen Farbflecken füllen. Es stand nicht einmal fest, wo es das Oben und Unten des Bildes geben soll.

Ungefähr zu dem Zeitpunkt öffneten die inneren Kräfte auch ein neues Sehen. Bis dahin wurde ein Gemälde, egal ob von Leonardo da Vinci, van Gogh oder Picasso nach Erkennbarkeit des Motivs abgetastet und nach gelungener Vorbildtreue beurteilt. Natürlich schnitt dabei Picasso sehr schlecht ab, und van Gogh war schlichtweg primitiv. Warum diese Meister von anderen bewundert wurden, war nicht nachvollziehbar. Das neu auftauchte Filter hatte keine Wurzeln im Vergleich und der Stimmigkeit mit der Welt. Es war eine emotionale Reaktion, eine Ergriffenheit, ein stilles „Wow“ angesichts einer Farbe, einer Form, gar einer einzelnen Linie. Ohne Referenz zu etwas anderem gab es … eine grundlose Schönheit.

Dass auch Anelines Bilder ihr selbst schön erschienen, wurde allerdings mit dem Nachschwingen der meditativer Stille erklärt.

Muse lachte sich wohl ins Fäustchen und sorgte dafür, dass Anelines Freunde den Meditationszweck aus dem Weg räumten und die Bilder in die Öffentlichkeit begleiteten. Hobbymäßig natürlich.

Bald wurde die Pastellkreide durch Öl- und Acrylfarbe verdrängt; das Papier wich der Leinwand, die später der Tapete Platz machen musste.

Wieso Tapete? Keine Ahnung, wieso die Muse Lust darauf bekam, aber sie hat den Wechsel wie so oft zuvor sehr souverän eingeleitet. Während Aneline einmal im Wartezimmer beim Arzt saß, strich ihre Hand über die Wandtapete, die sich samtig anfühlte.
Wow! So etwas brauch‘ ich unbedingt. So zart, so …, so ..!
Der Wortschatz der Gedanken kam an seine Grenzen.

Noch am selben Nachmittag wurde der Tapetenbestand der Baumärkte durchgestöbert und die Landwände zu Hause in den Keller geschoben. Die einfarbig mit Kunststoff beschichteten Tapeten hatten unebene Oberfläche, auf der die Farben mit den Unebenheiten des Reliefs tanzen konnten.

Der letzte Baum entstammt eben dieser Tapeten-Periode. Er war nicht der dritte, nein, es gab noch welche davor. Aber den zeige ich als Abschluss des Themas, wie weit die stille Muse mit Anelines ‚Ausbildung‘ gebracht hat.

Diesen Beitrag weitersagen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen