Zeit das Versprechen einzulösen und Anelines Planlosigkeit beim Malen zu schildern. Das Malprotokoll entstand anlässlich eines Projekts, als sie ein Jahr lang tagtäglich eine weitere Kachel auf eine Bahn malte (insgesamt 12 m!) und im Internet mit einem Begleittext präsentierte. Mal beschrieb sie die Tagesumstände, die zu dem Bild führten, mal den Malvorgang selbst, mal die Gefühle während. Wenn eine Malsitzung länger wurde, sank Aneline in die Stille hinter den Gedanken. Eines Tages wird sich jener Malkalender im Blog ausführlicher präsentieren, heute kommt nur ein kleines Beispiel, was sich in Anelines Kopf abspielte, während ein abstraktes Bildchen in die sichtbare Welt suchte.

Ich setzte mich auf der Veranda an die Tapetenbahn auf dem Tisch, steckte mit Malerkreppstreifen das heutige Malfeld ab und fiel in die Leere hinab.
Nichts. 3-5 Minuten dümpelt meine Wahrnehmung zwischen den Grübel-Welten und der Wiesen-Landschaft vor dem Atelier – wie ein Korken beim leichten Wellengang des Meeres. Dann kommt plötzlich die Ungeduld angefaucht:
– Na los! Worauf wartest du? Irgendetwas! Unterwegs wird dir schon etwas einfallen.
– Hmm? Stress muss ja nicht sein. Ups, Moment mal, da ist doch was … Eine sonnengelbe Vorskizze?
Die Assoziation führ zur Erinnerung an eine Malstunde während einer Kur vor …10 Jahren. Der Leiterin gefiel es, dass ich die Bilder vom Sonnenlicht zur Erdenpracht der Farben hinentwickeln würde. Ich schaute die Frau irritiert an; macht sie sich etwa über mich lustig?
„Vom Licht zu was?“- vonwegen! Meine bewusste Absicht meinte einfach, dass ich ein Bild möglichst hell anfangen sollte, damit man es bei Veränderungen leicht übertünchen könne. Monate später bemerkte ich, dass es nicht um eventuelle Korrekturen geht. Wenn ich vom Hellen zum Dunklen hin malte, floss die Inspiration viel leichter und ich wähnte mich bald auf Wolke 7. Kein Wunder, dass ich unbewusst diesen Weg bevorzugt hatte. Soll das jetzt heißen, dass ..?
– Okay! Dann beginne ich halt mit gelbem Hintergrund.
Dem Gelbanstrich folgen ein paar Tanzrunden von Lachsrosé und Flammenorange. Danach ergießen sich verschiedenste Grüntöne, die das Gelbgebiet weiträumig kolonialisieren. Da kommt die nächste Idee angerauscht:
– Die Eierpackung … her damit.
– Der Boden aus Pappmasché? Den muss ich aus dem Kühlschrank holen.
Das geprägte Rautenmuster tränke ich mit weißer Farbe und drücke damit zwei farbsatte Diagonalen. Das Ergebnis?
– Oh Schreck! Weg! Abschaben?
Mit einem Wattestäbchen ziehe ich die Farbe ab, was zartes Muster der inzwischen angetrockneten Konturen entstehen lässt, das von keinem Pinsel gezaubert werden könnte. Ein Bündel Anerkennungsgedanken schwebt den werktätigen Musen entgegen:
– Alle Achtung! Das war echt rafiniert von euch. Und nun?
Schon folgt der zweite Abdruck – die andere Seite der Eierpackung ins Rot getaucht und in das leere Rautenmuster hineingelegt. Rote Ringe bar jeglichen Charmes …
– ..?!? Wirklich?
Keine Zeit zum Motzen, die roten Ringe werden gelb ummantelt und nun wird lange an blauen Juvelen darin gearbeitet. Das Weiß lässt sie aufblitzen, viel klares Malmittel fängt weiteres Licht ein. Die Kostbarkeiten erfreuen mein Herz und stimmen den Kopf gnädig.
„Das könnte doch noch etwas werden“ – murmelt er fast unwillig und verzieht sich. Keine Fragen mehr, keine Kommentare. Im letzten Akt konzentriert sich die Aktion auf die Umgebung der Funkelsteine. Dunkelrot, Preussischblau, Indigo und Schwarz sorgen für größere Farbtiefe im Bild.
– Fertig? Schade. Ein tolles Mal-Abenteuer! Wie liebe ich das! Unzählige Schritte, von denen jeder in eine neue Richtung führt und Unerwartetes hervorbringt.
Das ursprüngliche Sonnenlicht hat sich beinahe vollständig in Dunkelheit verwandelt und das Ergebnis … strahlt.





