
Der letzte Blogartikel streifte am Rande das Thema der ‚machtlosen Beschlüsse‘. Es war wohl der Vorbote der Idee, die näher betrachtet werden wollte. Sie tauchte aus dem Schatten der unbeachteten Ideen innerhalb des mentalen Turms von Babel in Anelines Kopf auf und meinte, dass ein Beschluss eine grob skizzierte Bestellung an die Mächte des Lebens sei und deswegen öfters dem tatsächlichen Resultat der Ereignisse nicht gleichen könne. Daher sollte Aneline nicht über ihre Beschluss-Untreue verzweifeln, denn sie habe nicht die Macht über die Stärke der Motivation, die in die Handlung führt und für die Ausdauer bei der Umsetzung eines Plans sorgt.
Natürlich stieß die Idealistin sofort auf Widerstand der Pragmatiker von der Etage der gesellschaftlichen Überzeugungen.
„So ein Quatsch!“ riefen sie entsetzt. Der Sinn des Lebens bestehe doch darin, seinen Willen zu nutzen und selbst den Lebensweg durchs Realisieren seiner Beschlüsse zu gestalten. Aneline solle sich nicht ohnmächtig erklären und auf Wunder warten – sie solle ihren Verstand fürs Planen nutzen und danach handeln. Nicht umsonst würden selbst die Gottgläubigen sagen, dass der Gott zwar allmächtig sei, aber keine anderen Hände außer denen des Menschen habe. Aneline müsse doch zugeben, dass sie jahrzehntelang mit ihren Beschlüssen gut gefahren war.
Die Idealistin gab nicht nach, aber holte sich die Unterstützung von feiner Spur der Ironie und entgegnete, dass ein jeder Beschluss nur als ein einfacher Gedanke auftauche. Mal folge ihm eine Handlung, ein andermal nicht – beides unabhängig davon, wie Aneline seine Wichtigkeit deklarieren würde. Entscheidend für die Verwirklichung einer Idee sei die treibende Kraft dahinter, welche unterwegs zum Ziel nicht nur einen sondern unzählige Beschlüsse durch den Kopf schleusen würde. Dies gelte gleichmaßen, ob man angstgetrieben etwas vermeiden möchte oder etwas freudvoll anstrebe.
Für den Gegenschlag holten sich die Pragmatiker den Sarkasmus zur Unterstützung und verhöhnten den ‚Niemanden‘, der Anelines Beschlussgedanken erzeugen würde. Mit so einer Vision verzichte man außerdem auf die Kreativität des Menschen.
Es war vielleicht ungeschickt von ihnen, das zu erwähnen, denn Pragmatiker sind bekanntlich in Treue zum Erfahrungsschatz eingewurzelt, nicht in großer Offenheit fürs Neue …
Die Idealistin griff das gleich auf, mit dem Hinweis, dass Kreativität von der Offenheit für Inspirationen von außerhalb der Erfahrung lebt. Hätte sich Aneline immer auf das bereits Bekannte gestützt, hätte sie meist gut funktioniert, aber … wem tut es schon gut, ein zuverlässiger Roboter zu sein.
Dass diese Diskussion keine der Parteien von ihrem Konzept abbringen konnte, liegt in der Natur der Sache. Aber es war schon spannend, die Spanne zwischen den beiden Polen zu betrachten.

Ein paar Tage später – beim Durchstöbern alter Notizen – tauchte eine amüsante Ergänzung von der spirituellen Etage auf – als ein ‚Protokoll einer Beschluss-Geburt‘.
Die Lust auf meditativen Urlaubsaufenthalt führte Aneline zu einem Retreat in Südfrankreich. Die Meditation gab es allerdings nur für Frühaufsteher. Tagsüber ergründete ein Dutzend spiritueller Sucher metaphysische Themen, z.B.: was in uns und wie sehr oder wie wenig bewusst sei. Die letzte Abendsitzung des Retreats sollte geselliger ausklingen – unterstützt durch ein Gläschen der regionalen Spezialität, Pastis. Der Alkohol sollte uns bei der Aufgabe helfen, die Entstehungsmomente von Entscheidungen – welcher Art auch immer – entspannt zu beobachten. Am nächsten Morgen sollte jeder über ein Beispiel berichten.
Aneline traute weder ihren Französischkenntnissen noch ihren Nerven zu, derartigen Vortrag spontan liefern zu können und bereitete sich nachts mit Hilfe des Google-Übersetzers vor. Ohne damalige Notizen wäre wohl jene Anekdote für immer aus Anelines Erinnerung verschwunden. Was wurde da festgehalten? Voilà die Rückübersetzung:
Protokoll vom Scheitern, den Geburtsmoment einer Entscheidung zu finden.
Als der Gastgeber André am Vortag an den geplanten Umtrunk erinnert, wird meine Vorfreude auf den Abend durch die Unsicherheit gedämpft, ob außer dem Anis-Schnaps auch Wein serviert wird. Denn Pastis habe ich vor Jahren probiert und beschlossen, kein zweites Mal zu testen, was nun meine Teilnahme an dem Experiment in Frage stellt.
Cecile, mit der ich das Zimmer teile, ist sich sicher, dass man auch anderen Alkohol für die Aufgabe anbieten werde, denn Pastis sei selbst für viele Franzosen gewöhnungsbedürftig. Ihre Zuversicht hilft meinem Beschluss:
– Ich gehe hin. Sie hat recht, es wird bestimmt auch Wein geben. Wir sind ja in Frankreich.
Die böse Überraschung am nächsten Tag: Auf dem Tisch stehen nur Glaskannen mit Wasser und Pastis-Flaschen, die unser Gastgeber bei noblen Destillerien besorgt hatte.
– Schaaade. So bin ich nur ein Zaungast hier.
Die Enttäuschung macht sich breit, aber die Entscheidung, nicht mitzutrinken, wackelt keinen Augenblick. Auch der kleine Emil neben mir hält sich zurück. Er fragt mich nach meinem Grund für die Enthaltung.
– Spirituosen sind mir grundsätzlich zu stark. Ich trinke nur manchmal Wein zum Essen.
Nun kommt Jules, nährt sich zielstrebig dem Tisch und füllt eines der leeren Gläser. Seine Höflichkeit lässt ihn zuerst umherschauen und entdeckt mich mit leeren Händen. Lächelnd reicht er mir das Glas. Diese Zuwendung fühlt sich angenehm an, aber mein Abstand-Beschluss bleibt stur.
– Nein, nein, merçi. Das ist nett von dir, aber das ist nicht so meins. Viel zu stark und …
Ich greife vorsichtig nach der Flasche, rieche kurz am Flaschenhals und stelle sie weg. Leider, mein Gesichtsausdruck hat die negative Meinung verraten. Zu allem Übel bekommt das auch André mit. Seine Pastis-Leidenschaft reagiert verletzt:
– Warum machst du so ein Gesicht?
– Es tut mir echt leid … – wie ein begossener Puddel stehe ich da und stammele beschämt.
Zum Glück lenkt jemand den Gastgeber ab, und ich kann in den Hintergrund flüchten.
Dort arbeitet die Scham weiter an der alten Ablehnung.
– Wozu so’n Drama? Das Zeug muss nicht schmecken. Man könnte es als Medikament betrachten. Es geht nur um eine Dosis Alkohol, damit die Wahrnehmung des Augenblicks lockerer wird. Ach, komm schon …
– So gesehen, was soll’s. Na dann!
Und siehe da, der neue Beschluss hat auch die Macht, die Hand in Aktion zu schicken, die ein Glas mit schneller Geste füllt. Kaum im Mund, wird das flüssige Feuer heruntergeschluckt.

Fazit: Aneline kann kaum als Autorin der Entscheidung gelten, eher als deren ‚Lautsprecher‘.
* Es war klar zu sehen, und zwar bevor der Alkohol helfen konnte: Die simple Entscheidung Pastis mitzutrinken, war das Ergebnis eines Tanzes aus Emotionen und Meinungen über einen langen Zeitraum. Dies erfolgte auch in ‚Zusammenarbeit‘ mit vier Personen, deren Kommentare Anelines Gedanken beeinflusst haben.
* Eine Entscheidung wird gar nicht in einem Moment getroffen. Sie ist ein willkürlich herausgeschnittenes Fragment des ewigen Lebensflusses.





