Malkalender 3 – Farbige Erinnerungen

Am heutigen Sonntag sollte ich mich „ohne Wenn und Aber“ der Steuererklärung widmen. Keinen Aufschub mehr, denn er Termin steht direkt vor der Tür!

Tja, leicht gesagt … Bereits beim Frühstück klopfte die Mal-Lust beim Pflichtgefühl an.
– Ach komm; nur ein kleines Irgendwas. Muss ja nicht aufwendig sein, ein Pflichtbildchen, halt. Ein Bild über ‚keine Zeit zum Malen‘. Dieser Kalender lebt ja von der Wahrheit des Alltäglichen.
– Okay, dann mal schnell!

Kaum gab das Pflichtgefühl nach, schon saß ich am Kalender. Und hatte viiiel Spaß. Das goldene Bild strahlte mich am Ende triumphierend an, denn trotz meiner vernünftigen Absicht, schnell das Wort Pflicht zu schreiben und es ‘nackig’ stehen zu lassen, arbeitete ich gut drei Stunden an seinem Glanz.

Unterwegs gab es genug Raum für Grübelpassagen zum Thema: vergnügliche Pflicht versus pflichterfüllendes Vergnügen. Dies hier auszubreiten, fällt unter den Tisch voller Formulare, Rechnungen, Quittungen und Bankbelege.


Die Übersetzung des juristischen Textes war eine Herausforderung. Nun können sich im entspannten Kopf Reflexionen über den traurigen Vorfall ausbreiten.

War die eingestürzte Treppe schuld an dem Ende eines Lebens? – Natürlich nicht.

Die Bauleute? – Auch meine Übersetzung kann nicht helfen, einen Schuldigen zu bestimmen; das steht fest.

Aus der unpersönlichen Perspektive gesehen, verschwindet menschliche Verantwortung: Vielleicht wollte der Lebensfaden des mir unbekannten Mannes nicht weiter gewebt werden und die seelische Heimkehr inszenierte sich als Unfall auf der Baustelle.
– Zugegeben, klingt zunächst etwas grausig.

Für den Betroffenen vollzog sich die Rückreise in wenigen Sekunden, praktisch schmerzlos. Die Hinterbliebenen hatten es schwerer. Der Trennungsschmerz mündete in eine lange Suche nach jemandem zu bestrafen. Und obwohl die Ermittlungsbehörden eine lange Liste der möglichen Täter zusammengestellt hatten, war es letztendlich unmöglich herauszufinden, wer derjenige war, der jene Treppe in Beton goss, obwohl sie noch nicht zu Ende bewehrt wurde.
So viel zu dem konkreten Vorfall.



Aber das Todesthema dreht weiter die Runden im Kopf. Unsere Kultur pflegt die Haltung „Tod? Nein, darf nicht sein“. Woher kommt eigentlich unsere Ablehnung des Todes? Wir müssen doch mal weg, so oder so. Weder die Todesart noch der Zeitpunkt liegen in des Menschen Hand – das ist offensichtlich. Der Mangel an Kontrolle darüber kann unsere Ängstlichkeit eigentlich nicht begründen, denn die Kontrolle würde nichts am Fakt des Todes ändern.

Warum fürchten wir so sehr das Jenseits? Sollte das derselbe Ort sein, von dem wir kamen, braucht man die Rückkehr nicht zu fürchen. Und sollte der Tod die Auslöschung bedeuten, dann gibt es erst recht keinen nachvollziebaren Grund für die Angst – ein Niemand könnte ja nicht leiden.
Welche der beiden Varianten sich uns am Ende zeigt, wissen wir nicht. Löst vielleicht diese Unberechenbarkeit die Angst und Ablehnung des Todes?

Auch unlogisch, denn beim näheren Hinsehen wird klar, dass wir eigentlich nichts über jeden nächsten Augenblick wirklich wissen. Wir hüllen uns nur in eine Wolke von Erwartungen und Vorstellungen ein. Was davon der Wirklichkeit entsprechen wird, ist unbekannt. Jener Mann von der Treppe hat bestimmt bis zur letzten Minute geglaubt zu wissen, was er anschließend tun wird …

Das Unbekannte ist unser Element – wir denken viel, aber wissen gar nichts … unser Leben lang. Etwas anderes als Nichtwissen kennen wir eigentlich nicht und haben trotzdem Angst vor dem Unbekannten nach dem letzten Atemzug..?

Beim Korrekturlesen des Textes kam bei dem Spruch „Tod – nein, das darf nicht sein“ eine andere sonderbare Idee. Soll uns gerade diese Angst vorm Tod am Leben halten? Damit wir nicht bei Schwierigkeiten zu schnell aufgeben? Verrückt.­­ 


Der Tag begann schwungvoll. Vor der großen Kultur-Tour in die Stadt wollte ich noch mal schnell, Rasen mähen, bei Schlecker einkaufen, Erde vom Gärtner holen, meinen Schreibtisch in Ordnung bringen und natürlich das Tagesbild malen.

Das Unheil meldete sich, nachdem ich mit dem Mähen fertig wurde; plötzliche Kraftlosigkeit, dicker Kopf, Kratzen im Hals und laufende Nase – Erkältung in voller Blüte. Ich sagte bei Freunden ab und schleppte mich ins Bett.

Am Abend saß ich eingemummt im Atelier …

Das Bild zeigt alles … Die Erkältung legte mich flach. Nach langer Nacht im Bett zog ich auf die Gartenliege auf der Veranda um und schaute mir stundenlang die Welt hinter meinen Füßen an. Die Wetterengel sorgten da für abwechslungsreiches Programm, und ich genoß die Muße aufrichtig.

Dem entsprang auch die Idee für den Kalender … Ich knipste ein Foto und benutzte es für das Tagesbild. Mehr war einfach nicht drin.


Der friedlich gebettete Körper im Schlafzimmer, wo sie die letzten Monate verlebte, schien sehr sehr alt zu sein; dabei war meine Freundin erst 40. Und nun weg. Eine klirrende Klarheit, dass ich alleine im Zimmer war. Ich blieb trotzdem da und weinte still in die Leere der Erinnerungen hinein.

Wir lernten uns vor 10 Jahren kennen, als mein Leben in seinem Urgrund erschüttert wurde. Bei ihr suchte ich nach Klarheit und Trost. Sie war meine Gefährtin bei dem faszinierenden Tanz durch die esoterischen Gärten. Die Gruppen-Meditation an ihrer Seite war jedes Mal ein Abstecher ins Paradies. Die Channelings beruhigten die Gedankenmühle. Kopflos wurden wir dadurch nicht … Manchmal motzten wir nach der Medi, dass die ganze Selbsterfahrung zu wenig saftige Früchte einbringen würde.
Der größte Schatz meiner Freundschaft mit ihr war mein Vertrauen zu ihr, niemandem sonst habe ich so viel anvertraut.

Benommen verlasse ich das fremde Schlafzimmer und sehe im Nebenraum einen Sargdeckel aus unbehandeltem Fichtenholz aufstellt. Zwei Schachteln mit 100 Pastellkreiden lachen an … Andere Besucher waren schon hier und haben angefangen, das rohe Holz mit verschiedenen Motiven auszuschmücken. Naives, Anspruchsvolles, Tiefgründiges, Verspieltes – was einem so aus den Fingern kam.

An einer Ecke hat jemand eine blutrote Sonne gemalt und sie anschließend mit Dünnenlandschaft halb verdeckt. Aber der Fichtenholz-Himmel drüber ruft noch nach Farbe. Ich hocke mich auf den Boden. Den Raum bis zur nächsten Zeichnung fülle ich mit einem Prachtbaum auf der grünen Wiese. Er schafft einen Raum für … Ja wofür? Kurzerhand skizziere ich einen Liegestuhl dahin – nun könne hier der Abschied von der sterbenden Sonne stattfinden.
– Sieht mehr nach Rastplatz aus als nach einem Trauerort – kritisiert ein Gedanke …
Trotzdem werde ich das Bild in meinen Kalender kopieren.

Noch ein letzter Blick ins Schlafzimmer und ich gehe nach unten mit Angehörigen sprechen.
– Wann? Welcher Friedhof?
– Keiner. Sie wollte einen Friedwald, hat selbst ‚ihren‘ Baum für die letzte Ruhe ausgesucht.

Abends wird das Bildchen in den Malkalender kopiert.


Im marmorierten Umschlag, der sonst die Meditationstermine brachte, war die letzte Einladung. Sie lud uns … zum letzten Beisamen ein: „Weint bloß nicht die ganze Zeit. Ich will euch im Wald singen und lachen hören.“

Es kamen viele und gaben ihr Bestes. Nur die Natur hielt sich nicht an den letzten Wunsch – der kalte Dezembertag war ziemlich verweint; vor allem als wir nach der Singrunde im Café uns auf den Weg durch den FriedWald machten. Es war nicht leicht, frohes Herz zu behalten und die kleine Urne den so unwirtlichen Elementen zu überlassen.


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