Malkalender 2 – Farbige Erinnerungen

Das Bilder-Dreigestirn erinnert an die dreitägige Reise mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft nach Berlin, wohin uns der französische Botschafter eingeladen hat, als Dank dafür, dass wir in unserer Stadt so viel für die Annäherung der französischen Kultur tun. Man bereitete uns da einen unerwartet grandiosen Empfang.
Das Bild in französischer Tricolore verrät, dass mich das neu erbaute Botschaftsgebäude ziemlich beeindruckt hat – seine sonderbare Fenstergestaltung fand hierher,  nebst Innenhofgärten mit dem Philosophen-Pfad sowie den kleinen Quadraten, mit denen ein namhafter Künstler die Innenwände im Foyer bemalt hatte. Das letzte Phänomen belebte die uralte Verwunderung in mir, was alles den Rang der hohen Kunst erklimmen könne.
Auf meinem Bild erlaubte ich mir einen kleinen Erweiterungbeitrag: angedeutete Räume für nicht ausgemalte Quadrate fügen dem Werk einen Hauch der Leichtigkeit des Seins hinzu; das passt (mir) einfach besser zur französischen Kultur.


Am Folgetag … voilà mein Berliner Bär; stellvertretend für die unzähligen Eindrücke während ich durch Berlins Straßen wandelte, den Spuren meiner ach so schönen Vergangenheit hier nachspürte und die Geburt einer ganz neuen Hauptstadt fast ehrfürchtig bestaunte.


Der dritte Tag (nicht mal ein halber) galt Potsdam mit seinem Schloss Sanssouci. Na ja … da gewesen. Vielleicht sollte ich mal im Sommer wiederkommen, um alles in Ruhe zu erleben.

Beispiel für „Heute keine Zeit zum Malen“

Dieses Bildchen ist ein Beispiel, was bei einem knappen Zeitfenster fürs Malen doch noch möglich ist.
Knapp, aber anschaulich: Heute war ein Tag der klaren Struktur und Funktion im sozialen Kontext.
Und außerdem rief der Malplatz:
– Endlich etwas Blau her!
– Okay, okay …

Blitzschnell geschehen und geschwind zu einer Abendversammlung geeilt.

Der letzte Unterrichtstag von meinem Kurs. Das Abschiedsfrühstück, anschließend sonniger Spaziergang ins Stadtmuseum und … Adieu!
Na ja, nicht ganz – mit vielen von den Kursteilnehmern fahre ich ja noch morgen nach Amsterdam. Aber das Gefühl des gelungenen Endes dominierte diesen Tag. Diese Stimmung ließ den Umstand unbeachtet, dass ich gerade arbeitslos wurde, denn es gibt keine Kandidaten für weitere Sprachkurse in dieser Schule.
Wie dem auch sei – im vollkommenen Frieden mit der Welt kehrte ich nach Hause zurück und nutzte den Nachmittag für dieses ‚themenfreie‘ Bild in warmen Farben.

Für Maltechnik-Interessierte …
Ich legte ein Plastiknetz von einer Orangenkiste auf den Farbhintergrund und drückte einen mit Rot getränkten Schwamm ab – simpel. Dem folgte das beglückende Herumspielen mit dem entstandenen Muster.

Eine touristische Ansichtskarte? Nicht ganz, die gewöhnliche Bustour nach Amsterdam wartete mit einer Besonderheit auf …

Trotz düsterer Wetterprognose hat uns die Sonne keinen Augenblick im Stich gelassen. Raus aus dem Bus mit verdunkelten Scheiben, rein aufs Schiff, los geht’s durch die Altstadt-Grachten!

Ich habe den Platz ganz vorn und genieße die frische Frühlingsluft, denn alle Glasdächer wurden zur Seite geschoben. Außer der Verwöhnung durch die Sonnenstrahlen gibt es noch eine … Bescherung.

Es schneit un-un-ter-bro-chen und in rauen Mengen, allerdings sind die zarten Flocken sonnenwarm. Verwundert fische ich einige aus meinem Haar – cremefarbene Membranen als Segel für einen winzigen Samen in der Mitte. Sie kommen von den Zierkirsch-Bäumen, die alle Kanäle und viele Straßen säumen.

Der Schiffskapitän kommt rein, schaut die Flockenwolken missbilligend an – eben hatte er gefegt und schon wieder sieht man den Schiffsboden nicht mehr. Ich lache wie beschwipst und rufe ihm zu: „It’s beatyfull! Like wedding!“ Er schmunzelt, greift nach dem Besen und stellt wieder weg – zu spät; wir müssen los.

In vier Sprachen wird mir nun erzählt, was ich links oder rechts zu sehen bekomme und ich sitze unbewegt da … gefangen von dem Frühlingsphänomen. Das Freudegefühl, dass das Leben mich mit Blütenschnee verwöhnt, lässt auch nach der Kanalfahrt kein bisschen nach. Wie denn auch; die Flocken decken die Kanäle dicht zu, sie liegen auf den Bürgersteigen, werden von fahrenden Autos hochgewirbelt, schweben in die tiefsten Räume der Geschäfte und Restaurants hinein …

Meine Verzückung wünschte sich abends ein Bild mit diesem Wunder. Als Kulisse errichtete ich zunächst zwei Reihen alter Giebelhäuser entlang des Kanals. Völlig unnötig, denn sie verschwanden, nachdem ich die Kirschbäume an den Ufern gepflanzt hatte. Und die Sorgfallt bei den Baumkronen und dem Spiegelbild im Kanal war auch für die Katz – das Thema des Bildes – der Frühlingsschnee – hat die ganze Bühne für sich allein beansprucht.

Heute schaute ich mir im Picassos Grafikmuseum Lithographien von Marc Chagall an. Und wieder erlebte ich die alte Ambivalenz – einerseits die Langeweile gegenüber Chagalls Themen-Wahl, andererseits die Verzückung als Resonanz auf die poetische Ausstrahlung der Werke. Zum ersten Mal sah ich aber einen farblosen Chagall. Oh Wunder, die melancholischen, schwarzweißen Abzüge aus der Vorbereitungsphase einer Lithographie verstrahlten kein bisschen weniger Poesie als die späteren Farbvarianten.

Als ich mich dann im Atelier an meinen Kalender setzte, spürte ich immer noch deutlich die Beschwingtheit und ich brauchte eine Weile, bis ich im Stande war, die Malimpulse klar wahrzunehmen. Es ging los mit einer wagen Richtungsanweisung: im Raum schwebende Motive: halt wie bei Chagall. Und auch: Kindheitsbrocken. Das ganze erst in Schwarz zeichnen, danach mit Farben übertünchen. Soweit – so gut, das Wie ist klar. Aber was konkret ..?

Relativ schnell tauchte die erste Idee auf – die Nikolai-Kirche in meiner Heimatstadt, welche die Aussicht vom Wohnzimmer dominierte, denn das im Krieg zerstörte Stadtviertel um sie herum verschwand als Ziegeltransport für den Wiederaufbau von Warszawa. Während der Nikolai das einzige sichtbare Bauwerk weit und breit war, spielte die Kirche in meinem Innenleben keine Rolle, denn meine Eltern hat der Weltkrieg zu Atheisten gemacht. Nach der Einschulung entdeckte ich, dass ausnahmslos alle anderen Kinder zum Religionsunterricht im Kirchenturm gingen. Es brauchte 2 Jahre, die Eltern zu überzeugen, dass mich die Geschichten über Hölle, Teufel und ähnlicher “Phantasieunfug” nicht traumatisieren würden.

Im Kommunionsunterricht hörte ich dann, dass wir auf die Begegnung mit dem Gott vorbereiten werden, der während der ersten Kommunion in unser Herz treten würde. Mein Kindesverstand muss es sehr wörtlich genommen haben, denn ich erinnere mich, dass ich enttäuscht war, dass die Kommunion nur Kauen an einer faden Oblate war – im Herzen erschien niemand. Zum Trost hatte ich aber das geradezu betörende Erlebnis, im langen Kleid wandeln zu können – wie eine Palastdame aus früheren Jahrhunderten.

Als passiver Mitläufer ging ich noch zwei Jahre zu dem öden Religionsunterricht im Kirchenturm, bis eines Tages der missgelaunte Pfarrer sämtliche Schüler beim Abfragen durchfallen ließ. Mein gekränkter Stolz der guten Schülerin zog den Schlussstrich unterm Kirchenabenteuer – auf der Stelle nahm ich meine Büchertasche und verließ den Turm, ohne mich um den ausgelösten Skandal zu scheren.

Und nun, was zeigt mir das heutige Bild? Das Mädchenwesen kehrt zwar den Rücken der Kirche zu, die es beinahe überragt, aber … gibt sie ihm nicht etwas Halt? Seltsam auch die warmen Farbtöne, die kaum an das düstere Rot des gotischen Ziegelsteins erinnern.

Nach einer längeren ‚Sendepause‘ schob mir die zuständige Muse eine nächste Idee in den Kopf: ein weiteres Bauwerk aus meiner Kindheit – unser Sommerbungalow an der Ostsee. Er war nicht gerade gemütlich (oft feucht und bewohnt von gefürchteten Spinnen) und doch liebte ich ihn innig. Er galt mir als eine Startbasis für die Ausflüge ins Paradies des umgebenden Waldes. Seine im Original schmutzig graue Fassade wollte mir nicht gelingen – wie immer ich die Farben mischte, es kam immer nur ein freundlicher Farbton heraus. – Na dann. Fertig.

Der übrig gebliebene Freiraum des Bildes starrte mich an … Keine Ahnung. Ich schaute mir den Ausstellungs-Flyer an – ohne eine Inspiration. Verliebte Pärchen, Schafe, Gockel oder Blumensträuße zündeten bei mir nicht.
– Was liebte denn einst mein kleines Kindesherz?
– Ach ja, ganz zu Anfang; seit ich sechs Monate alt war, liebte ich Puchatek – einen von Oma geschenkten Teddybären. 
Ab in den Schrank! Wo bleibt mein Puchatek?

Im Bild entfaltet er einen zeitlosen Charme und zieht die Blicke des Mädchens an. Es scheint in seine Richtung zu schielen und sich zu fragen, wie er das bloß mache – über fünfzig Jahre alt und kein bisschen verschlossen. Seine Welt scheint immer interessant und okay zu sein; ein Leben in Gnade.

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