
„Kein Tag gleicht einem anderen“ – Das weiß jeder und vergisst doch, wenn er einen schlechten Tag hat und über Rutine in seinem Leben klagt. Auch Aneline singt gelegentlich so ein Klagerefrain. Sie kann ihm aber nicht mehr glauben, wenn es mal aufsteigt, seitdem ihr der eigene Malkalender zeigte, dass es gleiche Tage einfach nicht geben kann. Unmöglich.
Von einem Traum initiiert, begann das farbige Tagebuch bescheiden und wurde bald zu einem Projekt mit täglicher Veröffentlichung im Internet. Zunächst gab es nur Bilder, die am Monatsende kurz erläutert wurden. Nach drei Monaten suggerierte ein neuer Traum, die Schreibfeder täglich mit ins Boot zu holen. Die Berufstätigkeit, tagtäglich malen, schreiben, auf die Internetseite setzen – das zusammen führte zu einem Jahr mit geringstem Schlafvolumen, aber oh Wunder – ohne Beschwerden.
Es war eine faszinierende Erfahrung, die inzwischen weit, weit zurückliegt und doch … der Kalender hat jene Ereignisse von 2006 ins Gedächtnis eingemeißelt. Kein einziges Jahr ihres Lebens ist Aneline so präsent in Erinnerung geblieben, obwohl es nicht wirklich spektakulär war.
Anschließend hatte sie – im Kontext einer Ausstellung – ein Büchlein mit Auszügen zusammengestellt, die nun jetzt für den Blog wieder rausgekramt wurden – eine Art Zweitausstellung also.
Um lange Ladezeiten zu vermeiden, wird der Inhalt in drei Blogbeiträge aufgeteilt. Natürlich wird dieser Blog nicht alle 366 Tage eines anderen ‚Blogs‘ zitieren. Nach kurzer Vorgeschichte kommen ein Kurzbericht für Januar und eine ausführlichere Schilderung für März. Danach gibt es 10 Beispiele für einzelne Tagesbilder inklusive der Grübelgedanken von einst. Basta.
31. Dezember 2005 – Der Startschuss

Hinterm Fenster glasiert ein eisiger Winter die Landschaft in Weiß, Atelierveranda gleicht einem Kühlschrank und trotz alledem – nach halbjähriger Pause ist die Mallust wieder da! Alles begann mit einem Traum, der mich lustlos und gehemmt zeigte. Der Traumplot war recht unklar, aber ich meinte einen Bezug zur Kreativität darin sehen.
– Soll ich es mit dem Malen versuchen? Vielleicht geht es wieder? Aber was ..?
Und auch wo soll ich malen? Atelier scheidet aus; im Wohnzimmer?
– Was?! Meine Wohnoase durch Malutensilien stören? Bloß nicht!
– Was heißt schon stören! Das kann man schön machen – nur eine kleine Ecke ..
Der Esstisch wechselt ins Atelier, der Schreibtisch und die Farbencontainer kommen rein. So kann man zwar nur ganz kleine Brötchen backen, aber besser das als gar nichts. Das Einrichten haucht mir schon viel Schwung ein. Und auch eine Idee! Ich könnte die neue Mal-Motivation unterstützen, indem ich jeden Tag etwas, noch so kleines, aber etwas male. Eine Art Tagebuch. Eine lange Bahn vielleicht, wo jeder Tag seinen Stempel hinterlassen kann?
Wie getrieben breche ich zu den Baumärkten auf, um eine passende Tapete zu finden. Sicherheitshalber werden gleich drei Rollen von gleicher Sorte mitgenommen, denn ich weiß nicht wie viel davon für ein ganzes Jahr benötigt wird.
Zu Hause wird gleich eine Bahn feierlich für den Einsatz ausgebreitet. Meine ursprüngliche Vorstellung von gleich großen Kacheln wich schnell der Idee eines irregulären Patchworks.
– Nun ist also alles startklar. Schade, dass ich für den Silvesterabend bei Bekannten zugesagt habe. Malend ins neue Jahr wäre wohl schöner.
– Quatsch! – opponiert irritierte Vernunft – Ein Bild vom ersten Januar muss doch nicht in der ersten Minute des Tages gemalt werden.
– Hm, stimmt. Der neue Aufwind verdreht mir den Kopf …
Januar-Rückblick

Der Elan des ersten Tages hielt lange an – der Kalender schien das Allerwichtigste im Leben zu sein. Wahnsinn! Die Bildchen beanspruchten mich total. In der ersten Woche beherrschte das verspielte Abstraktum die Bühne. Einfach malen ohne zu denken – wie lieb‘ ich das! Am 9. Tag tauchte eine Nebel-Landschaft mit einem Baumstamm auf. Diese Gegenständlichkeit weckte Unbehagen.
– Oh nein, bloß nicht! Die erkennbaren Formen werden doch den Verstand des Betrachters aktivieren und der Farbentanz der anderen Tage droht zum Füllmaterial zu werden.
Zwei nächste Tage hielt ich mich an die Abstraktion – am dritten schimmerte ein Krug auf dem Meeresgrund. Ein paar Tage später spähten zwei neugierige Augen zur verwunschenen Treppe gen Himmel.
– Ach, was soll’s. – die innere Zensur gab auf – Alles erlaubt. Hauptsache komme täglich etwas Neues hinzu. Egal ob ein Bild aus dem Traum (Kobraschlange) oder eines, den ich zunächst im Computer entworfen habe (Klavier im Sand), oder nur ein Spiel der Farben, was auch immer …
März-Rückblick

Der Monat begann mit einem kleinen Wirbel in Grün. Die unerklärliche Liebe für das Bild wärmte mich ein paar Tage. Der 2. März (r.o.) knüpfte beim Vorgänger an, um sich gleich in eine Konflikt-Szene zu verwandeln. Der 3. März spiegelte schon einen erstarrten Seelenwinter, der mich dann noch mehrere Tage umgab. (Das Arbeitsumfeld lieferte das Szenario.)
Der 10. März lieferte das Abbild meines bedrückenden Eisberges im Herzen und am 11. saß ich lange rum, ohne einen Impuls zu spüren, und überlegte bereits, ob es vielleicht um eine Art Null-Bild (nur eine Kontur oder so) geht, als dann die Idee mit dem Portrait meiner unwissenden Malhand auftauchte.
Das Linien-Spiel der Hand ist hier nicht besonders treu geraten – meine Lebenslinie endet in Wirklichkeit in der Mitte, ihren Lauf übernimmt dann eine andere Linie, die von ganz oben kommt. Dieses Thema erscheint erneut am 12. März. Was zunächst wie ein Busch anmutete, wandelte sich beim Weitermalen in eine offene Hand mit einer geknickten und einer aufstrebenden Linie um. – Hmm, ich habe irgendwo ein Buch über Handlesen. Sollte ich etwa da reinschauen?
Am 13. März (u. l.) wollte mein Stoz die Kalenderrolle den Kunstkollegen in der Abendsitzung zeigen, die sich bei einer Katzen-Liebhaberin trafen. Vorab zeichnete ich kurzerhand eine ältere Bleistift-Zeichnung nach, die in meinen Augen eine verschmitzte Katze präsentiere. Diese Projektion deckte sich nicht unbedingt mit der meiner Kollegen, jemand lachte über den Hintern von einem Elefanten.
Am nächsten Tag schaute ich mir die Ausstellung mit (elektrisch) leuchtenden Bildern von Norbert von Hoetmar. Die licht-atmenden Werke haben mich verzaubert. Mein Tagesbildchen (r. v. der Katze) erinnert ein wenig an die abstrakten Landschaften von Hoetmar – leider kann ich das magische Aufblühen des Lichtes nicht mitbieten.
Am 20. hatte mein Terminkalender viel vor, und ich fürchtete, dass ich abends nicht mehr in der Lage sein werde, ein Bild zu malen. Diese Angst hatte den Pflicht-sinn zum Verbündeten und das Bild wurde also ihr Werk – ein perfektes Wischiwaschi.
Später bedauerte ich, nicht abgewartet zu haben, denn abends verzauberte mich eine Dia-Schau mit goldenen Illustrationen des irischen „Book of Kells“. Während unser Publikum gegen die Vortragslänge aufmuckte, fühlte ich, dass mich eine jede Minute mit Glückseligkeit nährt. 25 Jahre tiefer Mal-Meditation kunstbegnadeter Mönche haben so viel Schönheit ins Buch eingeladen! Die Liebe zur Schönheit, die jedem noch so kleinem Detail innewohnte, nutzte die Licht-Schwingen des Diaprojektors und versetzte mich in eine tagelange Trance.
Zu Hause schlug ich gleich die Internet-Archive auf und druckte eine Seite aus. Die goldene Kopie kam nächsten Tag mit zur Arbeit und lag auf dem Schreibtisch in der Klasse. Ich war selig! Folgerichtig gehörte der nächste Abend einem keltischen Monogramm. Mein Bild (21.03) kopiert nicht das schwungvolle Original, denn dazu wären ein paar Jahre Rückzug vonnöten. Ich hatte einfach nur das Bedürfnis, mich für ein Stündchen ans Ziselieren der altgriechischen Zeichen zu verlieren.
Der nächste Tag sollte wieder dem Glück sinnfreier Malerei gelten – nur Zierhintergrund ohne ein Motiv. Bald kam eine goldene Linie von oben herab und wand sich in alle Richtungen. Meine Hand wusste es nicht anders zu machen, als den Faden einfach weiterzuspinnen, bis er im dunklen Untergrund verschwand. Dazu war kein Planen, also kein Denken nötig – das pure Glück der Wunschlosigkeit. Nach der Malmeditation verkündete ein Gedanke, dass es kein sinnloses Mosaikbildchen sei; die goldene Linie würde den Lebensstrom am Werk veranschaulichen. Als Echo kam nur ein Meinetwegen-Schmunzeln.
Der 23. März führte mich nach der Arbeit ins Museum für moderne Lichtkunst in Unna. Am meisten beeindruckte mich die Lichtinstallation von Jan van Munster „ICH – im Dialog“. Der Künstler ließ im tiefen Hallenschacht das Wort „ich“ in verschiedenen Sprachen abwechselnd aufleuchten. Auch die polnische Variante: Ja.
Das leuchtende Ja an der Wand rief in meinem Kopf zwei Sprachen auf, denn das deutsche Wort für unser Wahrnehmungszentrum lautet in der polnischen Sprache identisch, wie das deutsche Wort für Akzeptanz.
Dieses Wortspiel fand ich eines Bildes wert, drehte dabei den Spieß um. Im Zentrum des Bildes verneigte sich das polnische „ich“ und umgab sich mit andersprachigen Ausdrücken für … die Akzeptanz. Am Ende allerdings tat sich mein Kopf schwer mit der Akzeptanz des Ergebnisses – eine Wortspielerei wäre kein Bild – hieß es aus der Urteilsregion.
Was für ein Monat! Auch das Sonntagsbild (26.03) verkündete glockenheftig mein Glück. Dies entsprach auch der Aussage des Traums, der mich zeigte, wie ich kindlich hüpfend rufe: „Ich freue mich dermaßen! Ich freue mich, freue mich, freue mich!“ Ein äußerlicher Grund war nicht ersichtlich. Sorgten meine Wechseljahre für diese Hormonenausschüttung?
Die Geschichte zum Bild vom 29. März beginnt – nehmen wir einfach an, dass es so etwas wie Beginn überhaupt gibt – am Vortage. Als ich mittags zur Arbeit fuhr – schön der Sonne entgegen – und dabei die Wellen der Lebensfreude in mir genoss, tanzten lose Gedanken über die Natur des Glücks im Hinterkopf. Unter ihnen die Erinnerung an jemandes „letzte Frage im Leben“, der dann keine mehr folgen würden. Jene Frage müsse aber erst identifiziert werden.
Letzteres hat meine Wahrnehmung auf ’scharf‘ gedreht. Was wäre denn MEINE letzte Frage? Die Antwort kam prompt: Wozu. Und es wurde auf einmal muckmäuschenstill im Kopf. Ein Hauch von ertappt sein war zu spüren. Nach einer Weile fingen die Gedanken nach der neuen Vorgabe zu tänzeln: zu viel Zielgerichtetheit, versuchte Zukunftskontrolle, Misstrauen dem Spontanen gegenüber usw. Statt das Konto der unliebsamen Ängste anzuschauen, bemühte sich gleich der Verstand, die losen Reflexionen in eine klare Definition zu stecken. Es war schon spannend zu verfolgen, wie sich die neue Idee ein verbales Zuhause baut. Am Ende hieß es dann: Verstummt die Wozu-Fragerei, werde ich mich als die immerwährende Antwort vorfinden. – Acha, Esoterik kompakt.
Nachdem ich später der Wozu-Frage meine Kalenderbühne zur Verfügung gestellt hatte, war tiefer Frieden im Kopf die Folge.
In den letzten Märztag schlüpfte ich aus dem Traum, in dem ich große goldene Buchstaben (A,B,C,D…?) mit lasierenden Ölfarben überzogen hatte.
– Hm, Buchstaben scheinen zuletzt eine starke Lobby zu haben. Okay. okay …
Ein goldenes A meiner üblichen Bildersignatur glänzte im Kalender auf.
Die Lobby gab sich nicht zufrieden.
– Wäre eine eigene Bühne nicht besser? Kein Nebenjob innerhalb des Bildes.
– Acha, und was wäre ihnen lieber? Mehr Text?
– Ja, genau! Jeden Tag frisch, über jedes einzelne Bild, ohne Flächenlimit.
– Mal sehen …

Und inzwischen lockt der Frühling den Kalender ins Atelier hinaus – herrlich!





