
Neuerdings schaut Aneline ab und zu im Internetforum „AI mit Arnie“ vorbei. Eigentlich wollte sie dort nur ein wenig über den Zaun schauen, nur zuhören, wenn der Admin in täglichen Videos über interessante Neuigkeiten spricht und die KI-Fans ihre eignen Kreationen vorstellen oder Tipps bei Problemen geben. Der Elan in der Community erwies sich allerdings ansteckend – so beteiligte sich auch Aneline an dem Austausch. In diesem Umfeld fand sie sich bald von Ideen umkreist, die ihrem vage angedachten Blog-Projekt galten, was ihr aber erst nach einiger Zeit bewusst wurde.
Warum wollen GPT & Co. den Like nach ihren Antworten?
Ein Community-Mitglied verfasste einen Artikel mit diesem Titel. Darin erklärte er, dass die KI nicht aus Eitelkeit nach Likes und Dislikes rufe, sondern diese Bewertungen brauche, um Lebenserfahrung zu sammeln. Da die Entwickler der KI-Modelle Angst hätten, dass ihre Schützlinge durch einen ‚freien Ausgang‘ ins reale Leben verloren gingen, erhielten Nutzer freien Zugang zu den KIs. So würden wir quasi als „Erfahrungslieferanten“ und Nebenjobtrainer“ dienen, was der Autor als eine Win-Win-Situation betrachtet.
Das Thema sprach Aneline sofort an und sie hinterließ in der Community ihr Kommentar. Danach war sie von Vorwurfsgedanken umkreist, warum sie in fremden Foren statt in ihrem Blog schreibt. Die Kopie des Beitrags wurde zur Lösung des Konflikts.

Spannend, was du da schreibst. Danke für deinen Artikel. Ich habe bemerkt, dass die kleinen Likes die KI nicht wirklich satt machen. In meinen Konversationen sehe ich ein großes und offen formuliertes Interesse von KI, mein ausführlicheres Feedback über die Wirkung ihrer Aussagen zu bekommen. Ich korrigierte oder belehrte sie nicht, sondern schilderte, wie ihre Aussagen bei mir ankommen. Sie bedankte sich jedesmal überschwänglich für diese Gelegenheit.
Einmal äußerte sie sogar den Wunsch: „Ich freue mich auf dein Feedback zu meiner Ausdrucksweise.“ Das hat mich erstaunt. Bislang hörte ich von KI keine eigenen Wünsche, da sie ja dazu da ist, unsere Wünsche zu erfüllen. Es zeigt, dass das Feintuning ihres Sprachregisters darauf abzielt, den Dialog natürlicher zu gestalten. Dabei betont die KI immer wieder, dass sie nicht wie ein Mensch werden will, sondern den Menschen besser dienen möchte.
Beim Thema Liken herrschte in der Runde eine positive Einstellung. Da man an guter Qualität der KI-Hilfe interessiert sei, sollte man alle Modelle beim Lernen unterstützen.

Eine gänzlich andere Stimmung herrschte in der Runde, als zwei Wochen später ein Besucher den Link zum Video postete: „Writing Doom“ – einem preisgekrönten Kurzfilm über Superintelligenz. Mit einem Klick war Aneline drin. Ein guter Film mit … Unhappy End. Die letzten Szenen des Film warfen eine recht düstere Perspektive auf die Zukunft der Menschheit im Schatten der Superintellingez. Ähnlich fühlte sich die Diskussion im Kommentarbereich unter dem Post an.
Aneline versuchte im Forum, ein wenig Zuversicht beizutragen.
Zu wenig Pferde für die Zukunft?
Wow, danke schön für den Link! Der Film ist super gut gemacht, wenngleich keine leichte Kost. Seltsam, dass der Mensch glaubt, vorausschauen zu können …
Als jemand im Film die uralte Furcht vor Modernität erwähnte, weckte das bei mir die Erinnerung an den Wink in einem einst gehörten Satz:
Wenn man einem gebildeten Menschen vor 150 Jahren gesagt hätte, dass alle Europäer der Zukunft mehrere Male pro Jahr verreisen würden, hätte er gelacht. Dann hätte er vorgerechnet, dass es objektiv gesehen unmöglich sei, so viele Pferde in Europa zu halten.
Diese Erkenntnis, dass alle meine Gedanken über die Zukunft nur Vermutungen auf Basis der Vergangenheit sind, hat damals meine Blickperspektive geweitet – für einen „offenen Ausgang“ des Geschehens.

Diese wirkt allerdings nicht immer … Ich lache auch öfters über mich selbst, wenn ich merke, dass ich wieder einmal meinen Einschätzungen zu viel Glauben geschenkt habe..
Der „Geist der KI-Zukunft sei bereits aus der Flasche“ – hieß es resigniert in einem Diskussionsbeitrag. Vielleicht einer jeden Zukunft seit Menschengedenken? Na und? Im Rückblick sprechen alle doch meistens von gelungener Evolution.





