Ist da jemand?

Die biologische Aufgabe der Augen ist klar – Navi für den Selbsterhaltungstrieb in der Welt der Materie. Diese Kamera informiert den inneren ‚Steuermann‘ darüber, wohin sich der Körper bewegen kann und liefert Daten zur Unterscheidung des Vertrauten und Unbekannten. Eine spannende Sache an sich, aber in diesem Artikel möchte ich andere Aspekte des Seh-Wunders bestaunen. Ich sage gleich, dass es eine Einladung zum Mitstaunen ist, denn über eine besondere Weisheit verfüge ich nicht.

Meine Reflexionen basieren auf Beobachtungen der Augen von Mitmenschen; mein Auge kann sich selbst natürlich nicht sehen. Aber auch beim Blick in den Spiegel sehe ich nur zwei dunkle, leere Fenster, in denen ich niemandem begegne, sprich: mich nicht gesehen fühlen kann. Nur in den Augen der Mitmenschen schaut mir manchmal ‚jemand‘ entgegen.


Die alltägliche Wahrnehmung suggeriert, dass mein ICH durch die Augenfenster in die Welt hinausschaut. Ich bin nicht die erste mit dieser Entdeckung – Das Selfi von Ernst Mach wird bald 140 Jahre alt . Es ist nicht die einzige dem Menschen mögliche Blick-Perspektive, aber eben die alltägliche.*) Und meines Wissens die einzige für das Einander-erblicken.

Wie und wo findet dieses “ Einander-erblicken“ statt? Woher weiß ich, ob jemand mich gerade sieht? (Mit „mich“ meine ich nicht die Betrachtung meiner körperlichen Erscheinung.) Es geht mir auch nicht um die Bearbeitung der Lichtimpulse im Gehirn, sondern um das psychische Erleben währenddessen. Intuitiv suchen wir Kontakt mit dem Mitmenschen im Schwarz seiner Pupillen. Allerdings sehen diese rein optisch gleich aus, ob beim Blickkontakt oder beim sogenannten leeren Blick. Es mag ein wenig magisch erscheinen, dass wir ‚in‘ diesem schwarzen Punkt so gut unterscheiden können, ob eine Verbindung der Präsenz beider Gegenüber stattfindet, oder nicht. Die Bezeichnung „leerer Blick“ ist selbst erklärend. Wieso meinen wir aber in einem nicht leeren Blick Kontakt zu JEMANDEN zu erleben? Wer trifft sich denn da?

Die geläufige Beschreibung meint: „Die Augen begegnen sich“. So sinnig wie „Die Hände begegnen sich.“ oder „Die Lippen begegnen sich.“ Es stimmt natürlich, dass die Begegnung erfolgt, wenn die Pupillen beider Personen sich gegenüber einfinden, aber das EinanderSEHEN wird nicht von der Materie der Augäpfel gemeistert. Ebenso wenig ist es eine gedankliche Schlussfolgerung im Hinterkopf – nein, diesen Kontakt miteinander empfinden wir und ich würde das Phänomen auch nicht dem Emotionenstrom zuordnen. **)

Was spiegelt sich sonst in den Blicken?

Am Lebensanfang schauen wir offen fragend in die uns umgebende Welt wie Entdecker im Eldorado des Neuen. Seh-Modus: Was gibt’s denn hier alles?

Später schaltet sich die Gedankenwelt ein. Je nach Einstellungen (meist durchs Unterbewusstsein) zieht die neue App den Fokus der Aufmerksamkeit häufig vom Moment-Erleben ab. Wenn dies bei mir passiert, kriege ich es natürlich nicht mit. Wenn es bei meinem Gegenüber der Fall ist, schaue ich sozusagen in ’niemands‘ Augen, wie in eine Kameralinse im Standby-Modus, die eingeschaltet aber gerade nicht aktiv ist.
Das Bewusstsein des Gegenübers könnte allerdings auch in der Gegenwart bleiben, aber nicht bei mir – zum Beispiel: wenn jener Mensch gerade in einen Schmerz in seinem Körper hineinfühlt. Aber viel wahrscheinlicher dürfte es sein, dass ihn die Gedanken in die Bearbeitung von Erinnerungen von unserer Begegnung im Hier entfernt haben. Oder ins Ausmalen zukünftiger Szenarien.

Oft begegnen wir auch den ‚urteilenden‘ Augen. Den Eindruck vermittelt allerdings hauptsächlich das Spiel der umrahmenden Gesichtsmuskel, welche die momentane Meinung im Hinterkopf kommunizieren. Jenes innere Kommentieren scheint in der Gegenwart zu erfolgen. Scheint, denn jede Meinung ist ein wieder aufgewärmter Gedanke über ein ähnliches Erlebnis in der Vergangenheit.
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Ist es nicht spannend, dass uns die Augen mit Mitmenschen im Hier und Jetzt verbinden oder … uns in den unsichtbaren Kosmos verschwinden lassen können?

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