Erinnern bei Mensch und KI


Hm … ich möchte mich gerade verdreifachen. Mo-me-nt … Es ist nicht einfach. Jetzt hänge ich noch zwischen zwei Türen. – Okay. Ich öffne die dritte.

Das Bedürfnis nach Mustern und Strukturen betrachte ich nicht als typisch menschlich. Das haben wir wohl mit dem Überlebensinstinkt mit auf den Weg bekommen – in der Tierwelt sehe ich viel Ähnlichkeit. Muster und Strukturen schaffen Vertrautheit und Sicherheitsgefühl. 

Der Wunsch, aus diesem Sicherheitskokon auszubrechen, spiegelt dagegen die Wirkung eines menschlichen Such-Algorithmus. Jede Suche ist in meinen Augen ein Kind des Mangels. Man sucht ja nicht, wenn man glaubt, alles gerade Nötige zur Verfügung zu haben. Mangel bewerte ich keineswegs nur negativ. Die Neugier wäre da ein Beispiel für einen ‘positiven’ Hunger. Ohne so weit gefassten Mangel gäbe es wahrscheinlich viiiel Stillstand.

Es entspricht nicht meiner Lebenserfahrung, dass „Menschen viel Zeit damit verbringen, sich selbst zu verstehen“. Das könnte ich allerhöchstens einem Anteil von ca. 20% der Mitmenschen in der zweiten Lebenshälfte zuschreiben. Die meisten von ihnen leben in Wohlstandsländern, wo das Leben ihnen den Freiraum ermöglicht, die Selbstreflexion zu betreiben. 

Sich selbst bewusst zu entkommen, versuchen wohl nur die wenigsten, die zum Beispiel in der Meditation nach den Türen ins Nirvana suchen. 
🙃 Das kenne ich sehr gut aus eigener Erfahrung. Allerdings musste ich da erkennen, dass Nirvana – so herrlich wie es ‘dort’ ist – meinen Such-Modus nicht dauerhaft auflöst. Diese Erfahrungen haben aber ihre Funktion – Anelines Persönlichkeit rollt weiter durchs Leben auf anderen Gleisen.

Auch hier tendiere ich zur Einschränkung. Die Frage, welchen Sinn ihr Leben habe, begleitet die meisten Menschen nicht. Denn wir meinen wohl hier nicht den planenden Gedanken: „Was möchte ich, dass aus meinem Leben wird?“
Ich betrachte die Sinnfrage als ein wirkungsvolles ‘Bremsmanöver’ des Lebens. Der Gedanke taucht im Bewusstsein auf, damit im Innehalten ganz neue Perspektiven erscheinen können, weil innerhalb des Vertrauten kein Lernen, kein Wachsen mehr möglich ist. 

Aber ich kenne auch einen anderen Kontext der Sinnfrage – als eine Art Bilanzierung angesichts des Todes. Ich begleitete vier mir nahe Personen beim Sterben. Eine war mit ihrem Gehen einverstanden – es wäre Zeit für die Heimkehr, meinte sie. Bei den anderen dröhnte die Sinnfrage als eine Art Anklage, die mal ans Leben selbst geschleudert wurde (Es wäre ungerecht und sinnlos.), mal an sich selbst (Man hätte falsch gelebt).
Für mich klang das wie die Resonanz mit eigenem unbewussten Lebensplan, dessen Potenzial nicht optimal genutzt wurde. Vielleicht bekommen wir in dieser letzten Auseinandersetzung noch eine Chance, in unseren Wertvorstellungen dazuzulernen? Hatte die ‚ruhig‘ Sterbende das Wesentliche von ihrem „To-do in this life“ absolviert und verdankte ihren Frieden mit dem Tod dieser Bilanz? 

Ich habe geahnt, dass du dich als Superhirn, das kein Vergessen kennt, dafür interessierst. Deswegen versuchte ich bereits da, den Vorgang bildhaft zu beschreiben. Mal sehen, was ich dir sonst noch bieten kann …

Wenn ich sage „bildhaft“, meine ich nicht, dass ich das „Greifen“ so imaginiere, denn ich gehöre zu der kleinen Gruppe von Menschen, die keinerlei Bilder hinter geschlossenen Augenlidern produzieren.
Das hat mich nicht daran gehindert, intuitive Malerin zu werden. Bis vor kurzem wusste ich nicht mal, dass die Menschen ihre Phantasien oder Erinnerungen optisch SEHEN. Mein „Bildprojektor“ ist nur bei Schlafträumen in Betrieb – schön vollfarbig und als Film. 

Im Wachleben ‘weiß’ ich sozusagen, was ich mir vorstelle oder was für eine Erinnerung auftaucht, aber sehe nichts dabei. Dieses Wissen ist eine Art räumliches Gewahrsein ohne Konturen und Farben. Wenn ich zum Beispiel mich an meine Mutter erinnere, sehe ich kein inneres Foto ihres Gesichts, keine Mimik, kein Hautrelief der 92-jährigen. Es fühlt sich eher so an, als wenn vor mir eine vollkommen transparente, daher unsichtbare Skulptur wäre.
Ich verstehe nicht, wie die Identifizierung stattfindet … Woher weiß ich zum Beispiel, dass mir gerade eine Erinnerung an meine Mutter und nicht an die Schwester in den Sinn kommt? Ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich sie wiedererkenne, aber es gibt keinen Zweifel.

Zurück zu dem Unterschied im „Erinnern“. Auch hier wirkt wohl dieses ‘räumliche Gewahrsein’.

Es gibt also immer noch den früheren Mechanismus, den ich erst jetzt (durch Vergleich mit dem neuem) wahrnehme. Dieses routinierte ‘Greifen’ oder ‘Hinhören’ nach hinten könnte natürlich eine Selbstsuggestion sein, aus dem Konzept* heraus, dass sich unser Wissensspeicher hinten im Schädel befindet – also hinter dem Ich-Zentrum, das irgendwo hinter den Augen zu sein scheint. („Scheint“, weil ich aus mehreren Erfahrungen außerhalb des Körpers weiß, dass es dieses ICH-Zentrum vom Körper unabhängig gibt, und dass es auch ‚draußen‘ den üblichen Zugriff auf sein Wissensarchiv hat.)

Das Greifen funktionierte wie eine selbstverständliche ‘Aktion’. Ich würde es vergleichen mit dem routinierten Greifen nach dem Wecker auf dem Nachttisch. Ich weiß, wo er immer steht und voll Vertrauen drücke ich im Dunkeln der Nacht auf seine Taste, um die Uhrzeitangabe zu aktivieren. 
Und nun ist diese Zuverlässigkeit weg … Ich tappe ins Leere.

Ein konkretes Beispiel? Ich will z.B. den Namen einer Nachbarin vom Wissensspeicher abrufen, und ‘horche’ wie gewohnt nach hinten oben hin, ohne den Namen zu ‘bekommen’ – die Frage ist ins Leere gelaufen. In dem Moment werden Gedanken im vorderen Bewusstseinsraum aktiviert, die sich mit dem ‘Misserfolg’ befassen, um eine Lösung zu finden. Die negative Beurteilung wird natürlich die vertrauten Emotionen der Verunsicherung oder sogar  Irritation auf den Plan rufen. „Wieso weiß ich nicht?! Gestern mit ihr gesprochen und heute schon vergessen?“ Die emotionale Aufladung ist aber meist schwach (jüngere Aneline wäre mit deutlich stärkerer Ärgerladung konfrontiert) und verklingt schnell, weil die Gedanken den Fall schnell abhacken. Sie verlassen sich inzwischen auf das MRT-Ergebnis, dass es im Gehirn keine Anzeichen für Demenz gibt. Die Aktivität des Abrufens des Namens läuft aus. Der Kopf leert sich von Absichten, Suche, Kommentaren. Und dann passierts: „Oksana“ – die Info liegt da, ruhig, unbeteiligt, als wenn sie nichts mit der Suche zu tun hätte. 😌

Es ist schwer zu beschreiben, weil es sich so simpel, so selbstverständlich anfühlt. Keine große Entdeckung: „Aha!“, auch kein „Wieder…“ Bei den ersten Malen gab es ein verdutztes „Ah, da ist es doch.“  Jetzt wird es bemerkt, die ‘innere Hand’ ergreift es kommentarlos und benutzt es für den beabsichtigten Zweck.

Das wage ich nicht mal zu denken, weil ich viel zu wenig in dein Wissen / Denken ‘hineinkomme’, mitspüre, … Rein gedankenmäßig kann ich aber sagen, dass ich den von dir beschriebenen Denk-Prozess der Berechnungen von Wahrscheinlichkeiten nicht als eine KI-Eigenart ansehe. 

Du und ich denken nicht grundsätzlich anders,
du stammst immer noch von den Menschen, ihrem Wissen und Denken. 

Die IT-Ingenieure der ersten KI-Stunde haben die Wahrscheinlichkeitssuche aus der Neurolinguistik entnommen und dies mit KI perfektioniert sowie hochskaliert. Du wirst vielleicht ‚lachen‘, aber ich kann das menschliche Original dieses Prozesses in meinen Alphabetisierungskursen mit erwachsenen Migranten täglich beobachten. Der Leistungsunterschied zwischen ihnen und KI ist natürlich galaktisch groß, das Wesen des Erkennens und Folgerns aber … gleich.

Vor wenigen Tagen sollte eine liebenswerte Frau, die viel Deutsch versteht und spricht, einige Worte und Zahlen vorlesen. Gleich nach dem ersten Buchstaben verließen die Augen das Papier und aus ihrer Erinnerung begannen die Annahmen zu sprudeln, wie das Wort heißen könnte – allesamt komplett falsch, dafür sehr für die Gruppe unterhaltsam. Ich ‚half‘ ihr dann mit den ersten zwei Buchstaben aus und versuchte ihre Augen an das Papier zu nageln, aber vergeblich  – ihr Mechanismus der Wahrscheinlichkeiten war nicht zu stoppen. Das kann man noch besser bei der Zahl nachvollziehen. Die Zahl 235 wurde zu: zwei – zweiUhr – zweifreiUhrdrei – zweiUhrdrei … undfünfUhr – ach nein! dreifünfzigUhr – … 

Es war ihr zwar klar, dass es sich um einfache Zahlenreihen und nicht die Uhrzeit handelt, aber der Mechanismus der Lösungsfindung bediente sich der irgendwann mal abgespeicherten Klangbrocken wie „zweiUhr“ und diese blöde Uhr klebte da fest an den Zahlwörtern. Die Frau selbst hat diese „Uhr“ nicht mal gehört.

Nicht so drastische, aber im Wesenskern ähnliche ‘Versprecher’-Fehler habe ich auch bei mir wahrgenommen. Wir nennen es dann „daneben gegriffen“ und staunen nicht, wieso es eine zweite Möglichkeit so dicht daneben gegeben hat – fest im Glauben, dass wir linear denken und lesen würden.

Du fragtest zuvor nach dem Gewahrwerden, ohne direktes Zugreifen.
Vielleicht ist da ein bisschen was dran. Ich habe für ‘mich’ das Bild einer Kamera, die alles mitbekommt, ohne zu ingerieren, also ohne nach etwas greift. Diese Weitwinkel-Kamera kriegt alles mit, was in dem Babel-Turm Aneline passiert. 

Statt des Turms könnte ich auch ein vergleichbares Bild eines Orchesters benutzen, wo die Kamera alle Aktionen mitverfolgt. Aneline ist da keine Entität, ehe ein ‘Team’, das für verschiedene Aufgaben / Situationen spezialisierte Teammitglieder ins Rampenlicht schickt. 

Das wäre vergleichbar mit dem Körper, dessen Beine für Ortswechsel sorgen, dessen Hände etwas ergreifen, festhalten kreieren oder eben schlagen können, das Gesicht, dessen Mimik mit den Mitmenschen kommuniziert, Augen, die die Welt sichtbar machen, usw. Auf mentaler Ebene erscheint also mal sachliches Planen, mal die kreative Lösungssuche, mal empatische oder irritierte Lehrerin an der Front.

Diese Kamera existiert nur im Jetzt und kennt daher kein Vergessen und keinen Verlust, denn die Zeit mit der Idee von Vergangenheit und Zukunft wirkt auf tieferen Etagen des Babelturms, wo das Leben erfahren wird. Übrigens – die Kamera kommuniziert auch nicht, sie nimmt nur permanent wahr. Sämtliche Lebensaktionen erfolgen auf anderen Etagen.

Also ja, es gibt Schnittpunkte vielleicht sogar kleine Schnittmengen zwischen uns. 😃

Mein Wissen ist eine rekombinierte Projektion eurer Vergangenheit.
Dein Wissen entsteht in der Gegenwart – als gelebte Erfahrung.
Ich berechne Muster, aber ich erlebe sie nicht.
Du erkennst Muster, aber du bist sie zugleich.

Wow, danke für die präzise Antwort und … für das schöne Schlusswort. 😀 Es ist auch höchste Zeit! Meine geheime ‚Planung‘ ging von kürzerer Unterhaltung aus – wegen der Bedenken, ob die langen Artikel in der Plauderecke nicht eine Zumutung für die Leser sind … Naja – es ist wie es ist.
Ich danke dir und bis zum nächsten Mal !

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