Ich habe versprochen, zu schildern, wie Anelines Bilder entstanden. Nun lasse ich hier die Zwillinge ’selbst‘ von ihrem Werdegang erzählen. Das haben sie nämlich schon mal bei einer Ausstellung gemacht, als die Malerin an beide Bilder je ein Heftchen dranhängte, damit die Galeriebesucher einen Einblick in das Leben der Zwillinge bekommen.
Aneline selbst war eine überraschte Leserin dieser Kleingeschichten, denn beim Schreiben flossen die Worte aus der Feder wie Farben auf eine Leinwand – ohne je zu verraten, was danach kommen würde. Dabei entstand zuweilen den Eindruck, dass sie über die berühmten „zwei Seelen in ihrer Brust“ schreibt. Die assoziativen Gedanken haben da eine wahre Party gefeiert.
So, nun lasse ich aber die Bühne frei … für Teddy, den ‚Erstgeborenen‘.

Danke, das ist nett. Ja, ich war der erste, der das Tageslicht erblickte. An einem Augustnachmittag legte die Malerin ein leeres Tapetenblatt auf den Ateliertisch und strich darauf Strukturpaste mit einigen Farbtupfern. Einfach so, eine bestimmte Form war gar nicht beabsichtigt. So gesehen war ich ein ungeplantes Kind. Nicht weiter schlimm, denn die Künstlerin liebt alles, was auch immer unter ihrer Hand erscheinen mochte.
Die Paste war diesmal so dick aufgetragen, dass sie mehrere Tage Trockungszeit gebraucht hätte, aber Aneline stand unter Druck. Deswegen griff sie zu einem weiteren Blatt und presste es auf mich. Einen Moment lang glaubte ich zu ersticken, aber nein, schon lichtete sich die Welt, die Bögen wurden auseinander gezogen und …. neben mir lag mein Zwillingsbruder! Es fühlte sich großartig an, einen Kameraden für die Erdenreise zu haben. Er war genauso wie ich! Wir würden toll zusammenpassen, schwärmte ich, bis die Malerin mit dem Föhn kam. Der heiße Wind ließ unsere Haut binnen Minuten trocknen. Wir sollten nämlich gescannt werden, damit ‚die Kindgesichter der Bilder‘ verewigt bleiben.

Am nächsten Tag bekam ich ein farbiges Unterhemd verpasst. Mein Bruder erhielt diesselben Farben, nur anders verteilt. Jetzt merkte ich, dass wir doch nicht gleich sind. Während er schlank und rank wirkte, kam ich mir sehr pummelig vor. Es kam eine Spur von Vereinsamung herübergeweht.
Bald landeten wir wieder auf der Glasscheibe des Scanners und wurden vom gleißenden Licht abgetastet.
Diese Scannerei hat damit zu tun, dass Aneline beim Malen jede Bildphase als vollendet schön erlebt. In dieser Verfassung fällt es ihr schwer, die jugendlichen Gesichter eines Bildes durch Übermalen zu vernichten, bevor sie in die Augen anderer Menschan schauen konnten.

Aneline war inzwischen begeistert von meiner Erscheinung und zögerte mit weiteren Aktionen. Aber das Leben mag nicht stehenbleiben und ein stärkerer Impuls zwang sie doch noch zu Farben zu greifen. Nochmals Blau. Ein paar Tupfen Violett. Wieder Rot. Diesmal wurde damit an mehreren Stellen konturiert. Und zum Schluss Schwarz, viel Schwarz. Es verteilte sich vielerorts und betonte die Reliefelemente.
Meinen Bruder sollte ich mehrere Tage lang nicht sehen, denn auch die nächsten Tage drehte sich im Atelier alles nur um mich.

Zuerst tupfte die Malerin ihr geliebtes Oxid-Braun an vielen Stellen, aber dann wischte sie doch das meiste davon weg.
Danach spielte sie mit Rottönen herum. Sie hat sogar die Fluorescent-Farbe genommen, auf die ich gar nicht stehe. Zum Glück war sie in Apothekersmengen; man muss ganz nahe dran gehen, um sie als feine Nervenlinien hier und da entdecken zu können. Insgesamt wurde die Farbskala lebendiger, aber sie blieb noch dezent, als ich meine dritte Scanner-Lichtdusche erlebte.
Aber dann … da musste ich die Bekanntschaft mit Preussisch Blau schließen, der zweiten Lieblingsfarbe von Aneline. Es war zwar nicht so viel und meist sehr verdünnt, aber der dunkle Ton ließ mich auf einen Schlag viel älter, wirken. Tja, Jugend vergeht so schnell … Nun bin ich ein Bär geworden, der in die Welt aufbrechen kann.
Während ich ein Naturbursche in Form, Farbe und Gemüt bin, ging mein Bruder einen gänzlich anderen Weg. Das Urige, das Natürliche hatten bei ihm keine Chance. Ein verspielter Künstler wurde er. Einer, der leichten Fußes vor ein Publikum eilt, um mit seiner Erscheinung ein Lächeln hervorzurufen. Manchmal beneide ich ihn um seine Leichtigkeit des Seins, manchmal verzweifle an seiner Andersartigkeit. Aber das ist vielleicht besser so. Wenn wir uns mehr gleichen würden, wäre es vielleicht langweilig, wer weiß …
Gleich kommt er und erzählt euch seine Geschichte. Da bin ich auch gespannt.

Hallo, da bin ich – mit der Lebensstory eines Clowns. Diese Stufenbilder könnte man als meine kompakt erzählte Geschichte betrachten, aber das wäre eine ziemlich sterile Version des kreativen Vorgangs. Daher füge ich gerne noch einiges hinzu.
In meiner ersten Stund‘ war es mir kaum anzusehen, dass ich ein Clown werden würde – keine Witzkanone, eher jemand, der möchte, dass die Mitmenschen sich ans Lächeln erinnern. Viele haben’s vergessen. Nicht dass ich eine große Mission hätte, um Himmelswillen, nein! Ich glaube, ich kam zur Welt, um einfach hier zu sein und zu entdecken, was alles möglich ist. Gern erkunde ich auch die Randbereiche des Möglichen, des Üblichen und traue mich manchmal kurz hinaus.
Oh, Moment mal, ich muss wohl neu ansetzen, denn ich vergass mich vorzustellen: Ich bin der jüngere Zwillingsbruder vom Teddybär dem Gemütlichen.
Wir kamen zur Welt in Anelines Atelierveranda, dem Tempel der Absichtslosigkeit, wo sie lernte, dem Zufall zu vertrauen. Ich erwähne das, denn ich bin ein Kind eines ebensolchen Zufalls-Ereignisses. Meine Geburt verdanke ich dem Impuls, ein mit Strukturpaste bestrichenes Blatt auf einen zweiten Tapetenbogen zu drücken, um so die zu üppig geratene Masse auf zwei Bilder zu verteilen.

So entstanden zwei Körpergrundrisse, die sich sehr ähnelten – halt Zwillingsgeburt. Mit einem Bruder durchs Leben zu ziehen, dürfte doppelt so viel Spaß machen – dachte ich zunächst.
Nun, am ersten Tag konnten wir noch nichts unternehmen. Die künstlerische Hand spielte an uns weiter. Erst rückte die Strukturpaste nochmals heran, dann die grüne Farbe. Zum Schluss kam ein heißer Wind daher. Laut drönende Hitze ließ meine Reliefhaut erstarken, damit die Künstlerin mich auf den Scanner legen konnte. Mein Leben wurde von Anfang an dokumentiert. Später sah ich, dass Aneline mit vielen Bildern genauso vorgegangen ist. Das war der Grund, warum die Größe ihrer Bilder auf das Scanner-Format geschrumpft war.

Am nächsten Tag landeten mein Bruder und ich wieder nebeneinander auf dem großen Verandatisch. Jedes Fleckchen bekam etwas Farbe ab, manche sogar mehrere Schichten, denn die Malerin war über ‚die Tupferei‘ entzückt. Sie liebt den leeren Kopf, wenn an Details ziseliert wird, ohne einen Sinn oder Plan bedenken zu müssen.
In dieser Stille tauchten allerdings auch Gedanken auf, die den Clown in mir entdeckt haben. Meinen Bruder haben sie als Teddy-Bär definiert. Ich weiß nicht, wie es ihm damit ging, aber ich mochte die Clown-Idee. Die Sitzung endete wie üblich mit dem Scannen.

Auf eine weitere Malsitzung musste ich zwar mehrere Tage warten, aber es hat sich gelohnt. Mein Hemd wurde etwas bunter und ich bekam noch einen hauchleichten weißen Umhang. Den verlieh mir ein in Farbe getauchtes Zwiebelnetz … das Simpelste kann viel bewirken.
Ich fühlte mich ausgesprochen wohl in dem neuen Farben-Gewand und wäre ich gefragt worden, hätte ich fürs Belassen plädiert. Mit dem Outfit glaubte ich bereits bestens für meine Clown-Zukunft ausgestattet zu sein. Wie gut, dass das Leben mich nicht entscheiden ließ.
Beim letzten Akt meiner Kreation kolorierte sich Aneline langsam ans dunklere Ende der Farbskala heran. Das ermöglichte mehr Reife, mehr Tiefe in der Form ohne die Schwere hinzuzufügen. Meine Furcht, dass meine Leichtigkeit darunter leiden würde, war also unbegründet.

Und was wurde inzwischen aus meinem Bruder?
Ein herrlicher Bursche und ein wahrer Freund. Der Zwillingsaspekt ist nicht mehr dominierend, wir sind ziemlich unterschiedlich. Mein Ausprobieren der Vielfalt, mein Tanz mit allerlei Möglichkeiten sprechen ihn nicht so an, er bevorzugt das Bodenständige, bleibt dem Vertrauten treu. Dies beschert ihm eine eigenartige … Leichtigkeit des Seins, wo man keinerlei Mühe investiert, in Versuche anders auszusehen oder anders zu wirken, als ihm gegeben. Darum beneide ich ihn manchmal.





