Begegnung mit einem Egregor

Es weihnachtet wieder. Die Gedanken zum Anlass beschäftigen den Kopf: HABEN wir Weihnachten – oder werden wir davon ‚besessen‘? Das letzte Wort bitte nicht so dämonisch lesen, es bezieht sich allein auf die Passivität des Besitzens, im Sinne von: wir werden gehabt.  

Anelines Aufmerksamkeit wurde heute von einigen Neugier-Wellen beansprucht. Zunächst kam die Begegnung mit einem seltsamen Begriff. Die Französin, Christine Henry-Plessier benutzte es in ihrem YouTube-Vortrag über die erweiterten Schichten des menschlichen Bewusstseins. Aneline nimmt gelegentlich Bad in französischer Sprache und lässt solche Videos wie Hintergrund-Radio laufen.
Der alte Vortrag begleitete heute die Kochaktivitäten, denn Aneline entsprach jemandes Bitte, traditionelle Festspeisen für den Besuch vorzubereiten, was sie jahrelang nicht mehr praktiziert hatte.

Dabei fischte das Ohr aus dem Hintergrund das Wort les egregores – „Komisch, nie gehört, obwohl der Vortrag schon mehrmals gelaufen war.“ Die Erklärung im Video hörte sich abstrakt an, und der neue Begriff konnte im Anelinas Kopfarchiv nirgendwo andocken. Das Wort wirkte sehr altertümlich. „Gibt es noch diese Egregoren in unserer Zeit?“ Das Thema verwelkte zunächst in der Leere.

Dafür tauchten bei monotonem Verkleben der Teigtaschen immer mehr irritierte Gedanken auf, dass der Aufwand überflüssig sei, wenn Aneline diese Taschen nicht gerade für die feine Küche halte. Als Kind mochte sie die Dinger schon; na ja, eigentlich ging es da mehr um die Steinpilzfüllung; am liebsten direkt aus dem Kühlschrank, also noch vor dem Aufwärmen, aber dieser Geschmack machte eben den Geschmack von Weihnachten aus. Außer Geschenken und Festdekoration – klar.

Die Irritation steigerte sich mit der Anzahl der verklebten Dreiecke und die Gedanken griffen nun die Traditionsregel an: Es wäre lächerlich, warum Millionen Leute eine bestimmte Speise für etwas Besonderes halten und diese an einem bestimmten Kalendertag essen würden. Und überhaupt, was habe ein Menü mit dem ursprünglich religösen Fest zu tun? Jedem Gott müsste das kulinarische Fest ziemlich Wurscht sein. Längeres Fasten wäre bestimmt hilfreicher, in erhabene Erlebnisse zu steigen. Dafür brauche es kaum, dass man einen bestimmten Tag im Kalender bestimme. „Oder doch? Moment mal, wäre der Druck unserer Weihnachtsregeln ein Beispiel für ein Egregor-Bewusstsein? Warum spricht die Französin eigentlich von „Bewusstsein“?

Diese Neugier führt zu schnellem Ausflug ins Internet: Egregor sei ein okkulter Begriff und bezeichne die Wirkung des Gedanken- oder Regelkomplexes einer Gruppierung. Je mehr Zeit diese Ideenwolke existiert, je größer die Mitgliedergruppe, desto stärker der Einfluss auf ein individuelles Bewusstsein. Man werde dann unbemerkt durch den Egregor gesteuert. Frau Henry-Plessier meint, dass man sich davon nicht befreien könne, außer durch respektvolles Bitten um Loslösung.

Wirklich nicht? Ich wuchs zwar im katholischen Kalender auf, obwohl meine Eltern Atheisten waren. Jener verlor aber schon vor Jahren seine Bedeutung ohne mein Zutun, einfach so, ohne Tam-Tam.

50 Jahre lang war es klar, dass es Weihnachten gibt, wie das, dass es Tag und Nacht gibt – sozusagen naturgegeben. Bis 2006 blieb dies unreflektiert. Da hörte Aneline jemanden erwähnen, dass er Weihnachten wie Geburtstagsfeiern hinter sich gelassen hatte. „Wie bitte?! Wieso? Also nee, da übertreibt er wirklich.“
Aneline qualifizierte jene Entscheidung als eine unschädliche Marotte des ansonsten weisen Menschen und … legte das Thema ad acta. Keinerlei Spur von Absicht, dem Beispiel zu folgen.

Dennoch muss frau rückblickend feststellen, dass in der Folgezeit die Motivation abnahm, am Jahresende 1000 km zu fahren, um mit Verwandten an einem Tisch die vorgeschriebenen Speisen zu essen und Geschenke zu verteilen. Oder aber bei sich zu Hause jene Kalendertage mit dem traditionellen Menü, der festlichen Dekoration oder Kleidung zu markieren. Weihnachtszeit (genauso wie Ostern übrigens) wurde zu einem zusätzlichen Wochenende.

Die Französin meinte, dass die Egregoren einen Traditionsbruch nicht verzeihen und mit Exkommunizierung also Verbannung der Abtrünnigen bestrafen würden. Wirklich? Anelines Verwandten – fest integriert in den Glauben (Egregor?) von Wichtigkeit des Familienfestes und seiner Rituale – sind zwar nicht begeistert, aber sie schütteln nur den Kopf und dulden Anelines Marotte. Hauptsache sie hält weiterhin den Familienkontakt aufrecht, ob per Telefon oder Besuche im Sommer.

Eine andere Idee kommt angeflogen: Anelines ‚Ausstieg‘ war keine Rebellion, weil es der Egregor des Weihnachstfestes war, der sie aufgegeben hatte, um die Reihen von Nicht-Christen zu säubern. Demnach könnte sie doch exkommuniziert worden sein, wobei dies nicht als Rache sondern im stillen Respekt geschah. – Falls ja, ein Dankeschön dafür!

Der leuchtende Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, vor dem Aneline gerne hockt, lockt die Frage, ob dieses Licht-Altar einem anderen Egregor angehört, dem Aneline nach wie vor Treue hält. Vor einem Jahr zog er fünf Wochen lang ihre Augen an.

Diesen Beitrag weitersagen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen